Jugendhilfe neu gedacht – Was junge Menschen brauchen und was Systeme dafür ändern müssen

Pressemitteilung des Bundesverbands privater Träger der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe e.V. (VPK) vom 22.04.2026

VPK diskutiert aktuelle Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe beim PODIUM 2026 in Schwerin

Berlin/Schwerin, 22. April 2026

Die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland steht unter massivem Druck. Trotz eines grundsätzlich gut ausgebauten Systems zeigen sich zunehmend strukturelle Belastungsgrenzen bei allen Akteuren. Vor diesem Hintergrund hat der VPK-Bundesverband e.V. am 21. April 2026 unter dem Titel „Jugendhilfe neu gedacht – Was junge Menschen brauchen und was Systeme dafür ändern müssen“ zu einer Fachveranstaltung nach Schwerin eingeladen. Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis, Wissenschaft und Fachöffentlichkeit kamen zusammen, um zentrale Herausforderungen zu diskutieren und gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln.

Trotz erheblicher finanzieller Aufwendungen ist die Lage, insbesondere auch auf Seiten der Kommunen, angespannt: Allein für Hilfen zur Erziehung wurden im Jahr 2023 rund 17 Milliarden Euro aufgewendet, die Gesamtausgaben der Kinder- und Jugendhilfe lagen bei über 70 Milliarden Euro. Dennoch fehlen vielerorts Plätze, der Fachkräftemangel verschärft sich und die Problemlagen junger Menschen werden zunehmend komplexer. Auch die Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher sowie die Umsetzung inklusiver Strukturen stellten das System vor große Herausforderungen.

Vor diesem Hintergrund sorgt auch der Ende März vorgelegte, lange erwartete Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe für Diskussion. Aus Sicht des VPK bleibt der Entwurf deutlich hinter den Erwartungen zurück. Kritisch bewertet wird insbesondere, dass zentrale Regelungen erkennbar auf Einsparungen abzielen – zulasten junger Menschen, freier Träger und der Gesellschaft. Besonders problematisch ist der vorgesehene Vorrang sogenannter infrastruktureller Angebote: Diese sollen künftig bevorzugt eingesetzt werden, auch dann, wenn sie gegenüber individuellen Hilfen lediglich „gleichermaßen geeignet“ sind. Aus fachlicher Perspektive droht damit eine Abkehr vom Prinzip passgenauer, am individuellen Bedarf orientierter Unterstützung. Eine wirksame Neuausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe sieht aus Sicht des VPK und der zur Veranstaltung eingeladenen Fachleute anders aus.

Mit wachsender Sorge wurde auf der Veranstaltung auch auf jüngste Medienberichte verwiesen, wonach im Bundeskanzleramt eine Arbeitsgruppe jenseits des vorliegenden Gesetzentwurfs über zentrale Fragen und geplante Einschränkungen der Leistungsrechte junger Menschen beraten hat – ohne Beteiligung der Fachöffentlichkeit. Reformen dieser Tragweite müssen jedoch transparent, fachlich fundiert und unter Einbeziehung der Praxis sowie der betroffenen jungen Menschen und Familien in offenen und strukturierten Dialogprozessen entwickelt werden. Andernfalls droht ein erheblicher Vertrauensverlust in die Kinder- und Jugendhilfepolitik und öffentliche Institutionen sowie in der Folge fachliche und praktische Fehlentscheidungen.

Nach einem sehr fachlichen und praxisnahen Grußwort von Nils Thiede, Abteilungsleiter im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport Mecklenburg-Vorpommern, beleuchteten die Referentinnen und Referenten das Veranstaltungsthema in ihren Vorträgen. „Wir erleben derzeit eine Jugendhilfe, die vielerorts an ihre Grenzen stößt. Aus der Perspektive der Organisationsentwicklung wird deutlich: Es reicht nicht aus, allein über zusätzliche finanzielle Mittel zu sprechen – wir müssen Strukturen hinterfragen und neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln“, betonte Rainer Orban, Diplom-Psychologe, systemischer Therapeut und Gründer und Leiter des n.i.l. – Institut für systemische Fort- und Weiterbildung in Osnabrück.

Auch aus wissenschaftlicher Sicht wurde der Veränderungsbedarf unterstrichen. Klassische Angebotsstrukturen geraten zunehmend an ihre Grenzen und müssen weiterentwickelt werden. „Die steigende Komplexität der Problemlagen erfordert ein Umdenken in Strukturen und Angeboten. Es geht nicht nur um mehr Ressourcen, sondern vor allem um kluge, flexible und passgenaue Hilfen vor Ort“, so Prof. Dr. Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik und Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf.

Eine besondere Perspektive brachte Kerstin Kubisch-Piesk ein, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst (BAG ASD) und erfahrene Praktikerin im Jugendamt. Sie richtete den Blick auf die Steuerungsverantwortung im System und die wachsende Komplexität in den Fallkonstellationen: „In den Allgemeinen Sozialen Diensten erleben wir täglich, wie vielschichtig und dynamisch Hilfebedarfe geworden sind. Es braucht verlässliche Steuerungsstrukturen, tragfähige Kooperationen im Sozialraum und ein gemeinsames fachliches Verständnis darüber, was junge Menschen und Familien wirklich brauchen – über Zuständigkeitsgrenzen hinweg.“

Die Diskussionen auf dem PODIUM 2026 machten deutlich: Eine nachhaltige und zukunftsorientierte Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe erfordert strukturelle Reformen, eine stärkere Kooperation aller Akteure sowie innovative fachliche Ansätze. Dies setzt zwingend voraus, dass politische Entscheidungsprozesse transparent gestaltet, fachlich rückgebunden und unter Einbeziehung der relevanten Akteure erfolgen – alles andere würde den notwendigen Reformprozess in seiner Legitimität schwächen. Nur so kann der wachsenden Komplexität von Lebenslagen Rechnung getragen, passgenaue Hilfe gestaltet und die Wirksamkeit der Kinder- und Jugendhilfe auch langfristig gesichert werden.
 
„Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Gesellschaftssystems. Damit sie auch in Zukunft leistungsfähig und bezahlbar bleibt, brauchen wir einen offenen Austausch und den Mut, auch jenseits von Finanzierungsfragen neue Lösungen zuzulassen“, unterstrich Martin Adam, Präsident des VPK-Bundesverbandes e.V. „Die Beteiligung der Jugendhilfepraxis setzen wir bei den anstehenden Reformprozessen voraus“, so Adam abschließend.

VPK-Bundesverband e.V.

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Hintergrund

Der VPK-Bundesverband ist der einzige bundesweite Dachverband für private Träger der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe. Er ist politisch und finanziell unabhängig und wird durch die Beiträge der Mitglieder der Landes- und Fachverbände finanziert, die auf Grundlage des Sozialgesetzbuches verschiedene Dienstleistungen in der Kinder- und Jugendhilfe erbringen.
Der VPK wird zur Interessenvertretung seiner Mitglieder gegenüber Politik und Gesellschaft aktiv. Er ist nach seinem Selbstverständnis qualitäts- und leistungsorientiert und in verschiedenen übergreifenden Gremien bundesweit vertreten. Der Verband wird in allgemeinen und grundsätzlichen Fragestellungen der Kinder- und Jugendhilfe initiativ, verfasst Stellungnahmen, unterhält eine Internetseite und gibt die Fachzeitschrift „Blickpunkt Jugendhilfe“ heraus.